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    Jahresfachtag des Landesprogrammes „Präventionsketten Hessen" 2025

    Am 05. November fand die Jahrestagung 2025 des Landesprogramms Präventionsketten Hessen statt.

    Datum: Mi., 05.11.2025

    Zeit: 09:00-16:30 Uhr

    Ort: Historisches Museum Frankfurt, Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main

    © HAGE

    Der vierte Jahresfachtag des Landesprogramms „Präventionsketten Hessen“ fand am 5. November 2025 im Historischen Museum Frankfurt statt und versammelte rund 130 Teilnehmende aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis. Unter dem Motto „Chancengerechtigkeit, Teilhabe und Partizipation – Welchen Beitrag können Präventionsketten in unserer Gesellschaft leisten?“ stand der Tag im Zeichen der Frage, wie Präventionsketten dazu beitragen können, Strukturen für ein gelingendes Aufwachsen zu stärken und soziale Teilhabe langfristig zu sichern.

    Illustration des Präventionsketten-Baums
    © Präventionsketten Hessen, HAGE, Sandra Beer (2023)

    Begrüßung & Grußworte

    Zur Eröffnung begrüßte Rajni Kerber, Programmleitung des Landesprogramms „Präventionsketten Hessen“, die Teilnehmenden und blickte auf die lebendige Abendveranstaltung des Vortages zurück. Im Rückblick wurde deutlich wie wichtig die politische Verankerung von Präventionsketten ist. Diskutiert wurde, welche Argumente dafür entscheidend sind – etwa die Rolle einer gezielten Risikokommunikation zur Begründung und Legitimation präventiver Ansätze. Zugleich wurde betont, dass jede Kommune individuelle Wege finden müsse, um Präventionsketten wirksam umzusetzen.

    Gemeinsames Ziel bleibt das gelingende Aufwachsen von Kindern in Hessen. Dazu braucht es integriertes Handeln, klare Prioritäten im kommunalen Haushalt zugunsten von Familien und verlässliche, vertrauensvolle Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner vor Ort.

    Im Anschluss führte Marion Kuchenny, HR-Moderatorin, in Fachtag ein. Sie machte deutlich, dass im Jahr 2025 noch immer die soziale Herkunft entscheidend darüber bestimmt, mit welchen Bildungs- und Berufsperspektiven Kinder ins Leben starten. Kinder, die in Armut aufwachsen, hätten nach wie vor ungleiche Zugänge zu Nachhilfe, Freizeit- oder kulturellen Angeboten. Ziel der Präventionsketten sei es daher, kommunale Strukturen zu schaffen, die für mehr Chancengerechtigkeit und gerechte Lebensbedingungen sorgen. 

    Grußworte der Förderpartner

    Beginnend mit dem Grußwort von Alexander Bauer, erster Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Kinderschutz schilderte er aus seiner Erfahrung als Lehrer, Vater und Abgeordneter, wie wichtig es sei, dass Gesetze tatsächlich in das Leben der Kinder gelangen und den Kinderschutz nachhaltig stärken.

    Er appellierte an alle Anwesenden, dass Prävention und Kinderschutz eine Frage der Haltung seien und nur gelingen könnten, wenn alle Beteiligten in den Netzwerken und Strukturen gemeinsam Verantwortung übernehmen.

    In einer gemeinsamen Gesprächsrunde reflektierten Dr. Katharina Böhm (Geschäftsführerin HAGE), Alexander Bauer und Marc von Krosigk (Geschäftsführer der Auridis Stiftung) den bisherigen Weg des Landesprogramms Präventionsketten Hessen. Sie zogen Bilanz nach drei Jahren Präventionskettenarbeit in Hessen, sprachen über die neue Projektphase bis 2029 und die Herausforderungen in der kommunalen Umsetzung. Dabei betonten sie, dass finanzielle Ressourcen und politische Prioritäten so ausgerichtet werden müssen, dass Präventionsketten als langfristige kommunale Strategien gestärkt werden.
    Im Zentrum stand die klare Botschaft: „Prävention ist ein Kinderrecht“Präventionsketten sollen Kindern ermöglichen, ihre Rechte wahrzunehmen – nicht als Hilfeempfänger, sondern als Subjekte mit Ansprüchen und Teilhaberechten.

    Aktueller Stand im Landesprogramm „Präventionsketten Hessen“

    Dr. Sarah Mümken von der Landeskoordinierungsstelle Präventionsketten Hessen gab einen Überblick über das Landesprogramm „Präventionsketten Hessen“ und stellte die Schwerpunkte, Arbeitsweise und bisherigen Erfahrungen sowohl der Kommunen als auch der Landeskoordinierungsstelle vor.

    Sie erläuterte die zentralen Schritte beim Aufbau kommunaler Präventionsketten:

    1. Organisatorische Voraussetzungen schaffen – etwa durch die Einrichtung von Koordinierungsstrukturen und die Klärung von Zuständigkeiten.
    2. Inhaltliche Vorbereitung – z. B. durch die Qualifizierung von Koordinierungsfachkräften und die Verbreitung der Grundlagen der Präventionskettenarbeit in den Kommunen.
    3. Konzepte und Strukturen vorbereiten – etwa durch die Bildung von Steuerungs- und Lenkungsgruppen sowie durch Bedarfs- und Strukturanalysen.

    Diese Schritte sind grundlegend für strukturelle Wirkungen wie die Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung und mit kommunalen Akteurinnen und Akteuren. Sie ermöglichen es zudem, auch bei der Zielgruppe Wirkung zu erzielen.

    Frau Dr. Mümken nannte hierzu Beispiele aus den teilnehmenden Kommunen: den Aktionsplan gegen Kinderarmut der Stadt Offenbach, die Modellregion Naumburg, die Gesundheitsstrategie des Landkreises Kassel, den Kinderrechtepfad in Bad Homburg sowie alltagsentlastende Angebote aus dem Werra-Meißner-Kreis und dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Diese wurden in den Fachforen am Vor- und Nachmittag genauer betrachtet.

    Einführungsvortrag: „Sozialpolitik, Kinderarmut und Teilhabe: Politische Anforderungen für die Zukunft“

    Im Einführungsvortrag von Prof. Dr. Antonio Brettschneider (TH Köln) wurde die gesellschaftliche und politische Dimension von Kinderarmut und Teilhabe beleuchtet. Er stellte die verfassungsrechtliche Grundlage in den Mittelpunkt:

     „Gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit sind eine gesetzliche Verpflichtung, kein moralisches Ideal.“

    Herr Prof. Dr. Brettschneider zeigte auf, dass der Sozialstaat aktuell unter erheblichem finanziellem Druck steht und viele Kommunen strukturell unterfinanziert sind. Er illustrierte dies am Beispiel des Fachkräftemangels in Kindertagesstätten, der zur Absenkung von Qualitätsstandards führt und Ungleichheiten bereits im frühkindlichen Bereich verstärkt. Auch Schulen seien mit steigenden Anforderungen konfrontiert, die sie häufig nicht mehr erfüllen können.

    Sein Fazit lautete: Soziale Ungleichheit wird durch fragmentierte Strukturen reproduziert – es brauche deshalb ein wirksames Schnittstellenmanagement, um Versorgungslücken zu schließen und Überschneidungen zu vermeiden. Maßnahmen sollten diversitäts- und diskriminierungssensibel, bedürfnisorientiert und niedrigschwellig gestaltet sein. Er plädierte für zentrale Anlaufstellen mit persönlichen Ansprechpartner*innen und digitale Portale, die Zugänge erleichtern und Transparenz schaffen.

    Prof. Dr. Antonio Brettschneider auf der Bühne

    Vertiefender Impulsvortrag: „Chancengerechtigkeit und Teilhabe – Ein Blick auf gesellschaftliche Systeme und ihre Verantwortung“

    Im anschließenden Impulsvortrag erläuterte Gerda Holz, Politikwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin, dass Kommunen sowohl Teil des politischen Systems als auch soziale Lebensräume sind. Chancengerechtigkeit und Teilhabe werden daher im alltäglichen Miteinander vor Ort konkret gelebt. Aufgrund ihrer zentralen Stellung verfügen Kommunen über eine erhebliche Entscheidungs- und Gestaltungsmacht und bilden damit den entscheidenden Ansatzpunkt für die Umsetzung präventiver und teilhabefördernder Strategien.

    Frau Holz betonte, dass gute Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten entscheidend für die erfolgreiche Implementierung von Präventionsketten sind. Strukturen vor Ort zu kennen und Netzwerke gezielt einzubinden, sei Voraussetzung für Nachhaltigkeit. Als Erfolgsfaktor wurden anschließend auch die außerschulischen Bildungsräume diskutiert, die über Vereine oder offene Angebote Zukunftskompetenzen fördern und soziale Teilhabe ermöglichen.

    1. Fachforum: Chancengerechte Stadt- und Gemeindeentwicklung in Landkreisen: Dezentrale Präventionsangebote

    In diesem Forum berichteten Sibylle Heicke (Präventionskettenkoordinatorin im Landkreis Kassel) und Nehle Sälzer (Präventionskettenkoordinatorin der Stadt Naumburg, Landkreises Kassel) von ihren Erfahrungen beim Aufbau der Präventionsketten. Der Landkreis Kassel steht vor der Herausforderung, dezentrale Strukturen im ländlichen Raum aufzubauen und politische Selbstverwaltung in die Koordination einzubinden.

    In Naumburg liegt der Fokus auf der Integration zugezogener Familien und der Stärkung von Begegnungsmöglichkeiten, etwa durch Willkommensbesuche. Als Schlüssel für erfolgreiche Präventionsarbeit wurde der Zugang über vertraute Personen identifiziert, die in der Kommune akzeptiert sind und als Brückenbauer*innen wirken.

    Das Forum verdeutlichte, wie wichtig es ist, Bürger*innen aktiv in die Gestaltung ihres Lebensraums einzubeziehen. Des Weiteren solle ein Austausch verschiedener Kommunen angestrebt werden: Projekte wie der „Markt der Familienleistungen“, erstmals in der Modellstadt Naumburg umgesetzt, werden inzwischen auch in anderen Kommunen im Landkreis Kassel angeboten. Hierbei sollten die individuellen Anforderungen der Kommunen beachtet werden und Angebote entsprechend angepasst werden.

    2. Fachforum: Leitbild Armutssensibilität und Maßnahmen zur Förderung der Teilhabe von Kindern und Familien in benachteiligten Lebenslagen

    Im Mittelpunkt des Fachforums standen die Entwicklung des Leitbilds „Armutssensibilität“ im Werra-Meißner-Kreis sowie die Vorstellung von Maßnahmen, die in der kooperierenden Kreisstadt Eschwege die Teilhabemöglichkeiten von Kindern und Familien mit geringem Einkommen verbessern sollen, vorgestellt von Jörn Engler (Fachbereichsleiter in der Kreisstadt Eschwege). Das von der Arbeitsgruppe Armutsprävention entwickelte Leitbild legt eine gemeinsame Haltung fest. Durch den Beschluss des Kreistages wird es zur Grundlage, um kreisweit Handlungen, Angebote und Maßnahmen daran auszurichten. Ein gutes Beispiel dafür, wie Armutsprävention strukturell verankert werden kann. 

    Eine Maßnahme zur Förderung der Teilhabe von Kindern und Familien in benachteiligten Lebenslagen, die in der Kreisstadt Eschwege weiterentwickelt wurde, ist die Familienkarte PLUS. Sie ermöglicht Familien mit geringem Einkommen unter anderem ermäßigten oder kostenlosen Zugang zu Kultur- und Freizeitangeboten wie Schwimmbad, Museum oder Kino aber auch Ponyreiten oder Bowling. Die Stadt finanziert dieses Angebot, wobei zahlreiche Kooperationspartner ermäßigte Angebote bereitstellen. Erhältlich ist die Familienkarte Plus im Familienbüro der Stadt.

    Das Konzept im Werra-Meißner-Kreis, der als auch als „Familienfreundlich“ zertifiziert ist und die Strategie der Stadt Eschwege zeigen deutlich, dass es möglich ist, durch gemeinsame Anstrengungen Teilhabe wirksam zu verbessern. Im Austausch während des Forums wurden zahlreiche Erfolgsfaktoren genannt: Wesentlich ist der Wille der politischen Entscheider, eine gemeinsame Haltung zum Thema sowie Zugänge zu Gremien und Kommissionen, um über die positiven Entwicklungen und die Wirkungen der Präventionskettenarbeit zu informieren. Außerdem wurde deutlich, dass es wichtig ist, Ressourcen zu bündeln und Projekte gezielt zu steuern, um nachhaltige Wirkungen zu erzielen.

    3. Fachforum: Entlastung im Familienalltag: Gute Praxis vor Ort

    Im Fachforum wurden drei Leuchtturmprojekte der Präventionsketten vorgestellt. Deutlich wurde, wie aus struktureller Zusammenarbeit, verbindlichen Kooperationsstrukturen und klaren Zuständigkeiten konkrete Unterstützungsangebote für Familien entstehen.

    Mareike Zielke (Präventionskettenkoordinatorin im Landkreis Hersfeld-Rotenburg) stellte das Café der kleinen Schätze vor. Bei Kaffee und Kuchen können Eltern in entspannter Atmosphäre verschiedene Beratungsangebote wahrnehmen, während ihre Kinder betreut werden. Die Themen reichen von Bildung und Teilhabe über Wohngeld, Kindergeld und Kinderzuschlag bis hin zu Migration, Integration, Unterhaltsvorschuss und Kita-Gebührenbefreiung. In der anschließenden Diskussion wurde die niedrigschwellige Herangehensweise, die den Raum für Dialoge öffnet, und die ressortübergreifende Zusammenarbeit der Fachkräfte positiv hervorgehoben.

    Das Angebot „Elterntreff“ an einer Grundschule im Odenwaldkreis wurde von Jihan Baday (Präventionskettenkoordinatorin im Odenwaldkreis) vorgestellt. Er dient als Ort der Begegnung und des Austauschs im Sozialraum, in dem gleichzeitig Bedarfe der Familien sichtbar werden. Diese Rückmeldungen bilden die Grundlage für neue, passgenaue Angebote – etwa den entstandenen Sprachkurs für Eltern.

    Aus der Stadt Frankfurt berichteten Dr. Evelyn Stahmer (Jugendamt Frankfurt) und Adrienn Puschkás (Evangelisches Familienzentrum Höchst) über den Caféwagen, dieser soll gezielt dazu beitragen, öffentliche Räume aufzuwerten und für Kinder und Familien als sichere und einladende Orte der Begegnung zu gestalten. Zunächst erläuterte Frau Stahmer die strukturelle Einbettung des Projekts in die kommunale Präventionskette, anschließend schilderte Frau Puschkas praxisnah, wie niedrigschwellige Unterstützung durch das mobile Angebot direkt zu den Familien gebracht wird – dort, wo sie leben und sich aufhalten.

    Die vorgestellten Beispiele verdeutlichen eindrücklich, wie vielfältig und wirksam Präventionsketten in Hessen umgesetzt werden. Ob im ländlichen Raum oder in der Großstadt – überall entstehen durch verbindliche Strukturen, Engagement und Nähe zu den Familien Zugänge zu Unterstützung, Beratung und Teilhabe.

    4. Fachforum: Multiplikator*innenkonzepte zur Armutssensibilität und Kinderrechte

    Haltung reflektieren, Wissen erweitern, alternativ handeln – diese Ziele verfolgen die Fortbildungs-veranstaltungen zu den Themen Armuts- und Habitussensibilität, Kinderrechte und Beteiligung, die im Rahmen dieses Fachforums vorgestellt wurden.

    Karin Bahlo (Präventionskettenkoordinatorin der Stadt Offenbach) ermöglichte den Teilnehmenden einen Einblick in die Qualifizierungsreihe „Armutssensibilität – Stärkung der Fachkompetenz im Umgang mit Armut“. Diese entstand im Kontext des Offenbacher Aktionsplans gegen Kinderarmut und wurde speziell für regionale Fachkräfte entwickelt. Trotz des umfangreichen modularisierten Programms, das bis zum Zertifikatsabschluss vier Monate dauert, ist der erste Durchgang bereits ausgebucht. Aufgrund der hohen Nachfrage und der positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden wird das Fortbildungsangebot im kommenden Jahr erneut angeboten.

    Mareike Zielke (Präventionskettenkoordinatorin im Landkreis Hersfeld-Rotenburg) stellte die Multiplikator*innen-Konzepte vor, die aus der Frage entstanden sind: „Wie integrieren wir Kinderrechte und einen machtkritischen Blick in die tägliche Arbeit?“ Dabei geht es um die Fortbildungsreihe zur Habitussensibilität, die sich an pädagogische Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen richtet, sowie um das Schulungsangebot „Kinderrechte kennen, Adultismus reflektieren, Beteiligung gestalten“ für Mitarbeitende in der Verwaltung.

    Im anschließenden Austausch wurde deutlich, dass es für diesen Themenkomplex noch zu wenige Schulungsangebote gibt. Gleichzeitig entstanden zahlreiche Ideen, um die Themen breiter zu verankern: Beispielsweise Workshops zu Kinderrechten für Führungskräfte, die Einbindung von Kinderrechten und Habitussensibilität in Ausbildungsrichtlinien für Verwaltungskräfte oder ein „Kinderrechteführerschein“ für Laienpolitiker.

    5. Fachforum: Chancen und Herausforderungen von Elternbefragungen im Kontext von Präventionsketten

    Es wurden zwei unterschiedliche Ansätze vorgestellt, wie Kommunen Elternbefragungen nutzen, um Bedarfe sichtbar zu machen und Präventionsketten weiterzuentwickeln. Im Odenwaldkreis diente eine Befragung im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung dazu, eine schwer erreichbare Community besser zu verstehen und konkrete Unterstützungsbedarfe zu erfassen. So berichtete Frau Baday (Präventionskettenkoordinatorin im Odenwaldkreis) berichtete, dass die Ergebnisse unter anderem zeigten, dass vielen Kindern Spielmöglichkeiten fehlen, Eltern Unterstützungswege nicht kennen und ein Bedarf an niedrigschwelligen Elterntreffs besteht. Durch die hohe Rücklaufquote konnten relevante Entwicklungen angestoßen werden, etwa eine Machbarkeitsstudie für einen Mehrgenerationenplatz. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Befragungen im verpflichtenden Kontext Antworten verzerren können und eine sorgfältige Fragebogenentwicklung entscheidend ist.

    Stefan Heinzmann (Jugendhilfeplaner in der Stadt Offenbach) stellte anschließend eine umfassende Eltern- und Familienerhebung im Themenfeld Kinderarmut vor. Die Ergebnisse verdeutlichen strukturelle Belastungen, etwa finanzielle Unsicherheit, sprachliche Hürden und geringe soziale Teilhabe. Eine Clusteranalyse identifizierte drei klar unterscheidbare Familiengruppen – von stark belasteten bis hin zu stabilen, gut unterstützten Haushalten. Die Daten liegen erst seit kurzer Zeit vor und werden aktuell weiter ausgewertet, sodass nun erste Schlüsse gezogen und nächste Handlungsschritte entwickelt werden können. 

    Elternbefragungen eröffnen wertvolle Einblicke in Lebenslagen von Familien und unterstützen die strategische Weiterentwicklung von Präventionsketten. Erfolgsfaktoren sind niedrigschwellige Zugänge, kultursensible Ansprache und eine enge Abstimmung zwischen Akteur*innen. Herausforderungen liegen vor allem in der Erreichbarkeit bestimmter Zielgruppen, methodischen Fragen und der Überführung der Ergebnisse in konkrete Maßnahmen.

    6. Fachforum: Konzept und Umsetzungserfahrungen aus Kinderkonferenzen

    Im Forum 6 stellten Lena Budach (Project Manager) und Antje Funke (Senior Expert) in der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit den JugendExpert*innen Erik Gröschell und Nele Felden das Projekt „Familie und Bildung: Politik vom Kind aus denken“ vor. Das Format „Zukunftsstimmen“ ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, kommunale Entwicklungsprozesse aktiv mitzugestalten.

    In Peer-to-Peer Workshops und Zukunftskonferenzen, u. a. in Berlin, dem Wartburgkreis und Chemnitz, wurden Kinder eingeladen, ihre eigenen Themen zu setzen. Die Erfahrungen aus mehreren Städten zeigen, dass das Mitreden der Kinder überraschende und umsetzbare Ideen für ein besseres Aufwachsen generiert. Besonders häufig nannten sie die Bereiche Müll, Mobbing, Spielflächen und sichere Fahrradwege. Diese Prozesse werden derzeit wissenschaftlich ausgewertet.

    Im anschließenden Austausch wurde diskutiert, wie Zugänge so gestaltet werden können, dass auch benachteiligte Kinder erreicht werden. Die JugendExpert*innen betonten, dass Beteiligung auf Augenhöhe Transparenz und flexible Formate erfordert. Ein zentrales Learning lautete: Kinder sollen gehört werden – sie tragen aber nicht die Verantwortung, sich Gehör zu verschaffen. Erwachsene müssen ihre Haltung ändern und Räume öffnen, in denen Kinder wirklich mitbestimmen können.

    Round table: Wie gelingt strukturelle Partizipation von Kindern und Familien?

    In einer lebhaften Podiumsdiskussion am Nachmittag diskutierten Vertreter*innen aus Praxis, Verwaltung und Wissenschaft – darunter das Mitglieder des JugendExpert*innen-Teams der Bertelsmann Stiftung, Erik Gröschell und Nele Felden, gemeinsam mit Antje Funcke (Senior Expert Familie und Bildung, Bertelsmann Stiftung) und Karin Bahlo (Präventionskettenkoordinatorin, Stadt Offenbach) – wie strukturelle Beteiligung dauerhaft gelingen kann.

    Karin Bahlo berichtete, wie die Koordinatorin des Kinder- und Jugendparlaments der Stadt Offenbach, Roberta Ferrante, Grundschulen besuchte, um direkt mit Kindern ins Gespräch zu kommen, und stellte die Frage: „Sollten wir Kinder in ihre Lebenswelten besuchen – oder sie in unsere Parlamente einladen?“
    In der Diskussion zeigte sich, dass beides notwendig ist: Beteiligungsprozesse müssen in den Lebenswelten der Kinder beginnen, gleichzeitig aber auch Einblicke in demokratische Entscheidungsräume ermöglichen.

    Die Runde sprach sich dafür aus, Partizipation frühzeitig im Bildungssystem zu verankern und Beteiligungsräume so zu gestalten, dass Kinder sich wohl und ernstgenommen fühlen. Beteiligungsräume sollten dabei von Kindern selbst gestaltbar bleiben. Diskutiert wurden zudem neue Ideen wie politische Bildungsurlaube für Schüler*innen, Aufwandsentschädigungen als Zeichen der Wertschätzung und eine stärkere Sichtbarkeit kommunaler Entscheidungsprozesse.

    Das zentrale Fazit: Erwachsene müssen die Rahmenbedingungen schaffen, damit Kinderrechte umgesetzt und Beteiligung selbstverständlich werden.

    Gesamtfazit des Fachtages

    Zum Abschluss lud Rajni Kerber, Programmleitung die Teilnehmenden ein, den fachlichen Austausch fortzusetzen und voneinander zu lernen. Sie hob hervor, dass die Stärke der Präventionsketten in der Kooperation liegt – im gegenseitigen Verständnis und im kontinuierlichen Lernen über kommunale Grenzen hinweg.

    Der Fachtag machte eindrücklich deutlich, dass Prävention eine Frage der Haltung ist. Kinder sollen Räume der Partizipation vorfinden, in denen sie gehört werden – ohne sich Gehör verschaffen zu müssen.

    Mit diesem Impuls endete ein Tag voller Anregungen, praktischer Beispiele und engagierter Diskussionen darüber, wie Präventionsketten in Hessen weiterhin dazu beitragen können, Chancengerechtigkeit und Teilhabe zu fördern und Kinderrechte nachhaltig zu verankern.

    Bilder: © HAGE/andreasmann.net