Vorabendveranstaltung des Jahresfachtages des Landesprogramms „Präventionsketten Hessen“
Gemeinsam handeln: Impact Community für ein chancengerechtes Aufwachsen
Datum: Di., 04.11.2025
Zeit: 15:00-18:30 Uhr
Ort: Historisches Museum Frankfurt, Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main
Gemeinsam handeln: Impact Community für ein chancengerechtes Aufwachsen
Anlässlich des vierten Jahresfachtags des Landesprogramms „Präventionsketten Hessen“ hatte die Landeskoordinierungsstelle Präventionsketten Hessen am 4. November 2025 zu ihrer obligatorischen Vorabendveranstaltung, in das Historische Museum Frankfurt, eingeladen. Unter dem Motto: „Gemeinsam handeln: Impact Community für ein chancengerechtes Aufwachsen“, kamen Vertreter*innen aus Politik, Verwaltung und Fachpraxis zusammen, um sich über aktuelle Herausforderungen im Rahmen der sozialen (Un-)Gerechtigkeit auszutauschen sowie kommunale Handlungsmöglichkeiten und innovative Ansätze für mehr Chancengerechtigkeit aufzuzeigen. Bärbel Schäfer Moderatorin und Journalistin führte durch die Veranstaltung.
Im Mittelpunkt des Abends standen die Fragen, wie strukturelle Probleme langfristig gelöst werden können und ob vermeintlich private Sorgen von Familien nicht immer auch eine politische Dimension haben.
Die Teilnehmenden waren sich einig:
Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die in der Umsetzung politische Überzeugungsarbeit und Haltung erfordert und die gesetzlich in allen Bereichen verankert werden sollte. Und es gibt Mittel und Wege, das Thema Chancengleichheit mit all seinen Facetten aufzugreifen und individuelle Lösungen für die jeweiligen Problemlagen vor Ort zu entwickeln.
Impulsvortrag: Soziale Ungleichheit und kommunale Handlungsmöglichkeiten
Den inhaltlichen Auftakt gestaltete Dr. Carolin Butterwegge, Armutsforscherin, mit einem Impulsvortrag zu „Ungleichheiten von Kindern und kommunale Handlungsmöglichkeiten“. Sie hob hervor, dass soziale Ungleichheit sämtliche Altersgruppen betrifft und sich bereits im Alltag und den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen manifestiert.
Anhand aktueller Zahlen zu Kindern und Familien in Armut zeigte sie, dass Hessen im Bundesländervergleich Platz neun belegt – mit deutlichen regionalen Unterschieden. Soziale Segregation, Gentrifizierung und abgehängte Stadtteile prägen vielerorts das Bild. Familiäre Armut hat bereits im frühen Kindesalter spürbare Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung, die Sprachfähigkeit, das Spielverhalten sowie die Lern- und Konzentrationsfähigkeit. Diese Effekte können den späteren Schulerfolg und weitere Bildungswege langfristig beeinträchtigen.
Frau Dr. Butterwegge bemängelte, dass viele spezifische Unterstützungsleistungen, wie die des Bildungs- und Teilhabepaketes des Bundes, von berechtigten Familien häufig nicht abgerufen werden. Die Gründe lägen hier vor allem in der geringen Bekanntheit der Angebote und in bürokratischen Hürden bei der Beantragung. Zudem werde die Beratung und der Zugang zu möglichen Leistungen durch die Kommunen sehr unterschiedlich gestaltet, was die tatsächliche Inanspruchnahme gerade durch benachteiligte Familien erheblich einschränkt.
Podiumsdiskussion: Gemeinsam handeln – Impact Community für ein chancengerechtes Aufwachsen
Auf dem Podium diskutierten im Anschluss Vertreter*innen aus Ministerien, Kommunen und Wissenschaft über ihre Möglichkeiten und individuelle strukturelle Ansätze zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit.
Podiumsteilnehmende:
- Manuela Strube, Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales (HMSI)
- Dr. Carolin Butterwegge, Armutsforscherin
- Sabine Groß, Bürgermeisterin der Stadt Offenbach
- Roberto Priore, Amtsleitung Jugendamt der Stadt Offenbach
- Barbara Callenberg, Fachbereichsleitung Jugend, Soziales und Wohnen der Sonderstatusstadt Bad Homburg
In der Diskussion zeigten sich eindrücklich die unterschiedlichen kommunalen Ausgangslagen:
Für die Stadt Offenbach berichteten die Bürgermeisterin Sabine Groß und der Leiter des Jugendamtes Roberto Priore von der engagierten Unterstützung durch die Stadtpolitik beim Thema Kinderarmut. So haben im Rahmen der Stadtverordnetenversammlung alle Parteien den Inhalten des Offenbacher Aktionsplans gegen Kinderarmut ausdrücklich zugestimmt. Darin werden zentrale Handlungsfelder definiert und Maßnahmen zur Verbesserung der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen empfohlen.
Frau Callenberg, Fachbereichsleitung Jugend, Soziales und Wohnen der Sonderstatusstadt Bad Homburg, schilderte demgegenüber die Herausforderung wohlhabender Kommunen: Durch die vermeintlich gut situierte Gesellschaft in Bad Homburg, sei das Thema Armut nicht im Fokus der Politik - obwohl auch sichtbar existiere. Daher müsse das Ziel sein, soziale Teilhabe in allen Stadtteilen zu sichern und Familien unabhängig von Einkommen oder Herkunft einzubinden.
Staatssekretärin Manuela Strube betonte, dass die Bekämpfung von Kinderarmut kein Thema einzelner Ressorts sei, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden müsse. Sie könne sich vorstellen, Kommunen, die sich besonders für Teilhabe und Chancengerechtigkeit etwa als „Kinderrechte-Kommunen“ engagieren, über einen Kinderbonus gezielt zu fördern.
Zur dauerhaften strukturellen Verankerung von Unterstützungsstrukturen wurde der strategische Um- und Ausbau von Kindertagesstätten zu lokalen Familienzentren positiv bewertet. Zudem sprachen sich die Beteiligten dafür aus, Möglichkeiten der Erweiterung des Präventionsketten-Konzepts über die Zielgruppe der Kinder von 0 bis 10 Jahren hinaus zu prüfen.
In der anschließenden Debatte tauschten sich die Podiumsgäste mit dem Publikum darüber aus, wie kommunale Entscheidungsträger*innen für das Thema sensibilisiert werden können – insbesondere in Kommunen, die auf den ersten Blick nicht als „Brennpunkte“ gelten. Dabei wurde zum einen deutlich: Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe die in der Umsetzung politische Überzeugungsarbeit und Haltung erfordert und die gesetzlich in allen Bereichen verankert werden sollte.
Zum anderen zeigten die Vertreter*innen aus Politik und Kommunalverwaltung auf, dass es Mittel und Wege gibt, das Thema Chancengleichheit mit all seinen Facetten aufzugreifen und individuelle Lösungen für die Problemlagen vor Ort zu entwickeln. Hierbei helfe der interkommunale Austausch besonders zu Handlungsstrategien, strukturellen Anpassungsvorgängen und innovativen Ideen, der im Rahmen des Landesprogramms Präventionsketten gefördert und ausgebaut werde.
Der Abend endete mit einem gemeinsamen Networking mit Imbiss, das den Teilnehmenden Gelegenheit bot, die Diskussionen in persönlicher Atmosphäre fortzusetzen und neue Impulse für die weitere Zusammenarbeit mitzunehmen.
Bilder: © HAGE/andreasmann.net